Das Reinheitsgebot im Wandel der Zeit

Das Reinheitsgebot für Bier gehört zu den bekanntesten Vorschriften unserer Zeit. Doch was genau schreibt es eigentlich vor? Und wer muss sich heute noch daran halten?

Im Zusammenhang mit Bier ist oft vom Reinheitsgebot die Rede, oder etwas präziser: vom «deutschen Reinheitsgebot». Dieses wird heute gerne als das erste Verbraucherschutzgesetz der Welt bezeichnet, doch das entspricht wohl zumindest nur zur Hälfte der Wahrheit. Tatsächlich erliessen die bayerischen Herzöge Wilhelm IV. und Ludwig X. im Jahr 1516 eine neue Landesordnung. Eine Regelung darin war dazu gedacht, die Verwendung von minderwertigen oder gar giftigen Zutaten beim Brauen zu unterbinden, die damals leider absolut üblich war. Deswegen legten die beiden Regenten fest, dass Bier nur aus Wasser, Hopfen und Gerste zu bestehen habe.

Hopfendolden und Getreideähren liegen in der Sonne - ein Symbol für das Reinheitsgebot

Reinheitsgebot: Ressourcenplanung zu Beginn der Neuzeit

Vermutlich ging es dabei aber nicht nur darum, den Menschen in Bayern qualitativ möglichst hochwertiges Bier zu bieten. Vielmehr sollte das Gesetz vor allem verhindern, dass andere Getreidesorten fürs Bierbrauen ver(sch)wendet werden. Weizen etwa sollte ausschliesslich fürs Brotbacken reserviert bleiben, um eine ausreichende Versorgung zu gewährleisten. Nur wer von höchstherzöglicher Stelle das Privileg zugesprochen bekam, durfte Weizen brauchen, um Weissbier zu brauen. Was sich, nebenbei bemerkt, wenig überraschend als äusserst lukratives Arrangement für alle Beteiligten erwies. Mittlerweile ist im Reinheitsgebot statt von Gerste nur noch von Malz die Rede, und dieses Malz kann auch Weizen enthalten. Es muss sich also niemand mehr die Gunst seines Landesfürsten sichern, um Weissbier brauen zu dürfen.

Ihr habt die Hefe vergessen!

Falls du dich je etwas intensiver mit dem Prozess des Bierbrauens auseinandergesetzt hast, wird dir auffallen: Eine wesentliche Zutat fehlt in der ursprünglichen Fassung des Reinheitsgebots. Denn um den Gärvorgang einzuleiten, braucht es zwingend Hefe. Heute verstehen wir diesen Prozess sehr gut und können die Hefe zum richtigen Zeitpunkt gezielt ins Spiel bringen. Doch im Jahr 1516 lernten eben noch nicht alle Schülerinnen und Schüler in ihrer gefühlt dritten Chemiestunde, wie Kohlenhydrate in Alkohol umgewandelt werden. Die Gärung wurde damals üblicherweise «spontan» ausgelöst, durch Hefesporen, die in der Luft umherschwirrten. (Dieses Verfahren verwenden Braumeister noch heute für etwas ausgefallenere Biersorten wie Kriek, Gueuze oder Faro.) Kein Wunder also, dass Wilhelm IV. und Ludwig X. zu ihrer Zeit nicht auf die Idee kamen, Hefe in ihr Reinheitsgebot aufzunehmen.

Am Ende zählt die Qualität!

Vom «bayerischen» zum «deutschen Reinheitsgebot» wurden diese Vorschriften im Jahr 1918, als die Bayern dem deutschen Reich beitraten. Vermutlich hatten sie schon damals erkannt, dass eine solch öffentliche Qualitätssicherung zum Wettbewerbsvorteil gegenüber Bieren aus anderen Ländern werden könnte. Deswegen bestanden sie mit Nachdruck darauf, dass ihre Regeln landesweit Gültigkeit erhalten sollten. Tatsache ist aber: Auch in Deutschland dürfen heute – wie in der ganzen restlichen Welt üblich – längst andere Inhaltsstoffe ins Bier gelangen. Man muss nur nett um Erlaubnis fragen. Oder genauer: einen Antrag auf das «Brauen besonderer Biere» stellen. (Nur Bayern und Baden-Württemberg halten noch an den alten Regeln fest.)

Diese Lockerung leuchtet auch ein, wenn man an den ursprünglichen Sinn des Reinheitsgebots zurückdenkt: Es sollte schliesslich verhindern, dass die Menschen aus alten Socken gebrautes Bier trinken müssen, um es salopp zu formulieren. Die Zugabe von hochwertigen Inhaltsstoffen wie etwa Honig oder Kräutern, wie sie gerade in der Craft-Beer-Szene stark verbreitet ist, steht aber auf einem völlig anderen Blatt. Dabei handelt es sich um eine Veredelung und einen Beitrag zu der grossen Vielfalt an Bieren, die wir heute geniessen dürfen. Ob du dich eher für die puristische Variante entscheidest oder dich auch mal an etwas progressivere Biere wagst, bleibt natürlich ganz deinem persönlichen Geschmack überlassen. Genau das macht unsere moderne Bierwelt doch so grossartig: Heute gibt es für absolut jeden Gaumen das passende Flüssig-Gold.